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Logbuch 2011

Ausnahme-Empfang für 'Gorch Fock'

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Kiel. Ausnahmezustand bei der Marine in Kiel: Die Crew der 'Gorch Fock' hat die stürmischste Fahrt in der Geschichte des Marineschulschiffs absolviert. 2000 Menschen begrüßten sie nun in Kiel. Nach dem Unglückstörn flossen Freudentränen.

In weißen Matrosenanzügen und blauen Uniformen stehen die Besatzungsmitglieder der 'Gorch Fock' an Deck, in Reihen, aufrecht, fast regungslos. Langsam läuft der weiße Dreimaster in den Kieler Marinehafen ein. Pünktlich um 10 Uhr macht er fest. Luftballons, Plakate, bunte Fähnchen und 2000 Menschen erwarten die Soldaten.

Endlich zu Hause - nach mehr als acht Monaten ist die 'Gorch Fock' wieder zurück. Doch die friedliche Förde, über der am Freitag die Sonne strahlt, passt so gar nicht zu der rauen See, die das Segelschulschiff der Marine während seiner achteinhalbmonatigen Südamerika-Reise überstehen musste. Der tödliche Sturz einer Kadettin aus der Takelage und zahlreiche Schlagzeilen über angebliche Schikane und Ekel-Rituale an Bord warfen dunkle Schatten auf den fast 29.000 Seemeilen langen Törn, bei dem das Schiff erstmals das Kap Hoorn umrundete.

Umso glücklicher sind die rund 180 Besatzungsmitglieder, als sie unter Tränen ihre Lieben umarmen. "Ich habe mich so auf zu Hause gefreut", sagt der 20-Jährige Henrik Knust. Die Sanitätsunteroffizierin Stephanie Goldau strahlt ebenfalls angesichts des demonstrativen Empfangs. "Es ist atemberaubend", sagt sie sichtbar gerührt, mit Rosen in der Hand. "Gerade nach den Vorfällen hatten wie alle Angst, dass wir ein bisschen untergehen." Doch es habe die Mannschaft zusammengeschweißt.

Es herrscht fast ein Ausnahmezustand bei der Marine in Kiel: Der Medienandrang ist enorm. Rund 80 Journalisten werden am Morgen in Bussen zur Tirpitzmole gekarrt, bevor die Bark um 10 festmacht. Und es sind viel mehr Leute da als sonst.

Noch etwas ist anders: Die jungen Offiziersanwärter, die sonst unter Jubel empfangen wurden, sind nicht dabei. Sie kehrten im Herbst im Stillen und mit dem Flugzeug aus Brasilien zurück, nachdem ihre 25 Jahre alte Kollegin in den Tod gestürzt war und die Marine die Ausbildung abgebrochen hatte - erstmals in der 52-jährigen Geschichte des Schiffs.

Wochenlang standen die Führung der 'Gorch Fock', die Ausbilder und die Stammbesatzung im Kreuzfeuer der Medien. "Ich fand es sehr schlimm, dieses in den Schmutz ziehen, in den Dreck ziehen", sagt Anja Friedrich. Sie trägt ein hellblaues T-Shirt mit dem Schiff und dem Bild ihres Sohns Steven, den sie kurz darauf in die Arme schließt. Der 20-Jährige, den anfangs das Heimweh plagte und nun bald die Sehnsucht nach der 'Gorch Fock', sagt: "Es war das Beste, was ich gemacht habe."

Doch die Vorwürfe trafen die Soldaten hart. "Wir waren empört. Das stimmt gar nicht, das trifft definitiv nicht zu", sagt Henrik Knust. Doch dagegen machen konnten sie am Ende der Welt nicht viel, sagten einige Besatzungsmitglieder. Offiziersanwärter hatten dem Wehrbeauftragten des Bundestags von sexueller Nötigung, übermäßigem Druck und dem Zwang zum Aufentern berichtet. Als Reaktion löste der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der später wegen einer Plagiatsaffäre bei seiner Doktorarbeit zurücktrat, Kapitän Norbert Schatz ab - und erntet dafür auch beim Einlaufen der 'Gorch Fock' noch Kritik. "Guttenberg hat Schatz blamiert und ihm sehr Unrecht getan. Guttenberg versteht so viel von der Marine wie von seiner Doktorarbeit", schimpft Helga Kober aus der Nähe von Heilbronn, deren Sohn lange auf dem Traditionsschiff fuhr.

Ob und wann die 'Gorch Fock' zu ihrer nächsten Ausbildungsreise aufbricht, ist unklar. Doch Zeichen von Marineinspekteur Axel Schimpf und Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) nähren die Hoffnung, dass es weitergeht mit der Ausbildung auf der angekratzten 'White Lady'. Bei ihrer Ankunft jedenfalls glänzt die weiße, blank geputzte Bark wie eh und je. Und auch die Mannschaft ist trotz allem stolz. Stephanie Goldau sagt: "Wir wollten mit erhobenem Haupt einlaufen, und das haben wir auch getan."

KN online,  06.05.2011